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Die Kraft des Placebo-Effektes

Der seltsame Placebo-Effekt. Immer wieder hört und liest man davon. Doch was hat es damit auf sich? Wie stark ist dieser Placebo-Effekt, dessen eigentlicher Funktionsmechanismus sich bis heute einer vollständigen wissenschaftlichen Erklärung entzieht?

Das Wort Placebo entstammt dem Lateinischen und lässt sich in etwa mit «ich werde gefallen» übersetzen. Es handelt sich dabei um eine erwünschte und positive Veränderung des Gesundheitszustandes eines Patienten, welche nicht auf der biochemischen, wissenschaftlich nachvollziehbaren Wirkung einer Arznei beruht. Als «Placebo» werden Medikamente bezeichnet, die keinen für die Behandlung relevanten Wirkstoff enthalten, jedoch in der gleichen Form verabreicht werden.

Versuch bei Kopfschmerz (subjektivem Empfinden)

Anhand der Behandlung von Kopfschmerzen lässt sich der Placebo-Effekt gut illustrieren: Wenn 100 an Kopfschmerzen leidende Patienten allesamt je eine lediglich aus Zucker bestehende Pille erhalten und 50 von ihnen wissen, dass es sich nur um Zucker handelt (Gruppe 1), während den anderen 50 erklärt wird, es sei ein Schmerzmittel in der Pille enthalten (Gruppe 2), so wird der Behandlungserfolg der zweiten Gruppe insgesamt grösser sein. Dies, obschon kein eigentliches Schmerzmittel eingesetzt wurde und die 50 Patienten der Gruppe 1 exakt die gleiche Pille erhielten. Eine Besserung der Schmerzen nur durch den Glauben, man nehme ein Schmerzmittel zu sich. Schmerzen sind ein subjektives Gefühl, welches jeder Mensch individuell empfindet. Zu Recht stellt sich die Frage, ob der Placebo-Effekt auch objektivierbare Krankheitsmerkmale positiv beeinflusst.

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Versuch bei Asthma (messbare Werte)

In einer 1970 in New York durchgeführten Untersuchung verabreichte man Asthma-Patienten jeweils eine die Atemwege erweiternde sowie eine diese verengende Substanz. Im Anschluss wurden die für die Asthma-Diagnostik relevanten Kennwerte wie Lungenvolumen und Flussgeschwindigkeit der Atemluft gemessen. In einer ersten Versuchsreihe waren die Patienten über die Wirkung der Medikamente informiert. Hier zeigte sich, wenig überraschend, eine Verschlechterung oben genannter Werte bei der mittels atemwegsverengenden Mittels behandelten Gruppe. Personen der Gruppe, die mit dem atemwegserweiternden Mittel behandelt wurden zeigten analog eine Besserung. Das wirklich erstaunliche Resultat jedoch zeigte sich im Rahmen der zweiten Versuchsreihe. Hierbei liess man die Patienten im Glauben, sie erhielten das Gegenteilige des in Wirklichkeit verabreichten Mittels. Die Gruppe, welche das atemwegsverengende Mittel erhielt, jedoch glaubte, es handle sich um die gegenteilig wirkende Arznei, zeigte eine Besserung der Lungenfunktion und umgekehrt kam es bei der anderen Gruppe zu einer Verschlechterung.

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Das wirklich erstaunliche Resultat jedoch zeigte sich im Rahmen der zweiten Versuchsreihe. Hierbei liess man die Patienten im Glauben, sie erhielten das Gegenteilige des in Wirklichkeit verabreichten Mittels. Die Gruppe, welche das atemwegsverengende Mittel erhielt, jedoch glaubte, es handle sich um die gegenteilig wirkende Arznei, zeigte eine Besserung der Lungenfunktion und umgekehrt kam es bei der anderen Gruppe zu einer Verschlechterung.*

Eine prinzipiell ähnliche Studie führte der Pionier der Placebo-Forschung Henry Beecher durch. Er verabreichte seinen Patienten jeweils stimulierende und beruhigende Arzneimittel, liess sie jedoch im Glauben, sie erhielten das gegenteilig wirkende Medikament. Auch hierbei konnte durch die veränderte Erwartungshaltung der Patienten die umgekehrte Wirkung des biochemischen Effektes beobachtet werden. Ebenfalls Henry Beecher zu verdanken ist der heute häufig zitierte Wert von 35%, welcher den durchschnittlichen Anteil der Placebo-Wirkung bei Therapien beschreibt.**

Bedeutet dies also, dass der Placebo-Effekt als Therapie den uns bekannten «echten» Medikamenten überlegen ist? Oder beruht deren Wirkung gar auch lediglich auf dem Placebo-Effekt?

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Sind Placebo wirksamer als «echte» Medikamente?

Nein. Die in der oben erwähnten Asthma-Studie erreichte Verbesserung der Lungenfunktion bei Einnahme eines eigentlich atemwegsverengend wirkenden Medikamentes war nämlich weit weniger stark ausgeprägt, als bei Einnahme der atemwegserweiternden Arznei im Wissen, es handle sich um eine solche. Gleichzeitig zeigten in den letzten Jahren zahlreiche so genannte Meta-Analysen (Untersuchungen, in welchen die Resultate zahlreicher Studien zu einem bestimmten Thema zusammengefasst werden), dass der Placebo-Effekt bei messbaren Krankheitsparametern, welche nicht von der Kooperation des Patienten abhängen, keine Besserung nach sich zieht und das bisherige Wissen über die Stärke des Placebo-Effektes zu einem grossen Teil eine Fehlinterpretation des natürlichen Krankheitsverlaufes gewesen sei. Bei der Asthma-Studie zum Beispiel ist das Lungenvolumen zwar ein messbarer Wert; seine Bestimmung ist jedoch von der Mitarbeit des Patienten abhängig. Dieser kann zum Beispiel nicht mit voller Kraft in das Röhrchen pusten und damit das Ergebnis verschlechtern. Die Konzentration eines bestimmten Stoffes im Blut jedoch kann man weniger gut direkt beeinflussen. Natürlich haben auch diese Meta-Analysen ihre Schwachstellen und so bleibt die Frage nach dem eigentlichen Ausmass des Placebo-Effektes nicht abschliessend beantwortet.

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Wichtige Erkenntnisse zum Placebo-Effekt

Dennoch lassen sich aus den verfügbaren Informationen über den Placebo-Effekt wichtige Erkenntnisse mitnehmen. So können unsere Überzeugungen tatsächlich unser subjektives Wohlempfinden sowie auch unsere Leistungsfähigkeit beeinflussen. Wir sind all den Symptomen unserer Gebrechen nicht hilflos ausgeliefert. Denn Überzeugungen lassen sich bewusst ändern. Bis zu einem gewissen Grad werden auch die objektiven Krankheitsmerkmale durch unseren Glauben an die Heilung beeinflusst. So haben erste Versuche, den Placebo-Effekt wissenschaftlich zu erklären, gezeigt, dass dieser auf zahlreiche an Entzündungsreaktionen beteiligte Botenstoffe (so zum Beispiel Cortisol) einen Einfluss haben kann und damit auch direkt unsere Biochemie beeinträchtigt. Zudem ist der Placebo-Effekt auch Teil einer jeden Behandlung mittels Medikamenten; zusätzlich zum biochemischen Effekt. Er wirkt auch bei invasiven Heilmethoden. Und nicht nur das; er wirkt hierbei sogar noch stärker. Eine Schmerzspritze löst einen stärkeren Placebo-Effekt aus als eine Schmerztablette.

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Im Rahmen der Zulassung neuer Medikamente gilt der Placebo-Effekt als zu übertreffender Standard: Diese müssen zur Belegung ihrer Wirksamkeit besser als das Placebo funktionieren. Dies gilt heute selbstverständlich nur noch für Erkrankungen, für welche es aktuell keine wirksamen Therapieoptionen gibt. Aus ethischen Gründen wäre die Verabreichung von Placebos an Kranke, welchen auch eine wirksamere Therapie zur Verfügung stünde, nicht vertretbar.

Die wichtigste Erkenntnis hierbei ist, dass der menschliche Geist und seine Biologie auf eine nur teilweise erklärbare Art und Weise miteinander kooperieren und diese Kooperation gar die Wirkung von Medikamenten in die entgegengesetzte Richtung drehen kann. Eine Studie zeigte übrigens auch, dass der Placebo-Effekt auch dann eintritt, wenn die Patienten wissen, dass ihnen nur ein Placebo verabreicht wird.

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Zum Abschluss: der Nocebo-Effekt

Übrigens existiert auch ein Gegenteil von Placebo: der Nocebo-Effekt. Wenn man an die Wirksamkeit einer Therapie NICHT glaubt, dann wirkt diese tatsächlich auch weniger gut oder sogar gar nicht.

Daraus lässt sich die Hypothese herleiten, dass Mechanismen des Placebo –und Nocebo-Effektes an der Steuerung des biologisch-chemischen Gleichgewichtes in unserem Körper beteiligt sind. Wie sich diese Interaktion zwischen Psyche und Biologie abspielt, ist aber Stand heute ein noch ungelöstes Rätsel

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Autor: Mateusz Niedzwiecki

* T. J. Luparello, N. Leist u. a.: The interaction of psychologic stimuli and pharmacologic agents on airway reactivity in asthmatic subjects. In: Psychosomatic medicine. Band 32, Nummer 5, 1970 Sep-Oct, S. 509–513

** H. K. Beecher: The powerful placebo. In: Journal of the American Medical Association. Band 159, Nummer 17, Dezember 1955, S. 1602–1606.